Ich bin dann mal weg!

«Auf die Walz gehen»: Hast du das schon mal gehört? Keine Sorge, wir reden nicht von schlechten Anmachsprüchen, sondern von den sogenannten Wanderjahren der frisch gebackenen Gesellen im Handwerk! Was es damit genau auf sich hat und welche Abenteuer dich nach deiner Lehre im Malerhandwerk erwarten, erfährst du hier!

Die Walz ist eine echte Institution im Handwerk! Seit dem 12. Jahrhundert schon gehen junge Gesellinnen und Gesellen nach der Ausbildung auf die Walz, also auf Reisen. Allerdings kann man das nicht mit dem jährlichen Familienurlaub vergleichen, denn auf der Walz gibt es ganz bestimmte Regeln und Traditionen. Aber warum machen Handwerkerinnen und Handwerker das eigentlich traditionell?  

Mit einer Reisedauer von mindestens drei Jahren und einem Tag ist so eine Walz durchaus anstrengend. Die Wandernden dürfen kaum etwas mitnehmen und geschlafen wird, wo es sich gerade anbietet: bei einem Kunden zum Beispiel oder auch in einem Hostel – und das meist nie länger als ein paar Tage an einem Ort. Allerdings ist die Walz auch eine super Möglichkeit, um neue Erfahrungen zu sammeln, Abenteuer zu bestehen und vor allem viel Neues zu lernen! Die Wandernden auf der Walz arbeiten in einem Betrieb nach dem anderen, lernen neue Techniken und Arbeitsabläufe kennen und stellen sich so immer neuen Herausforderungen, an denen sie wachsen.


Regeln und Traditionen


Vom Spätmittelalter bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war die Walz sogar eine Voraussetzung, um die Meisterprüfung ablegen zu können! So streng geht es heutzutage zwar nicht mehr zu, aber die Walz bleibt eine wichtige Tradition im Handwerk. Und als Tradition mit so einer langen Geschichte hat die Walz natürlich auch einige Regeln, die es zu beachten gilt: 

Je nachdem, welcher Handwerksvereinigung (den sogenannten «Schächten») du angehörst, unterscheiden sich diese Regeln ein wenig. Außerdem gibt es inzwischen auch die  Freireisenden, auch Vogtländer genannt: Wandergesellen und -gesellinnen, die ohne Mitgliedschaft in einem Schacht reisen. Grundsätzlich bleibt aber vieles gleich, egal ob mit oder ohne Schacht. Zum Beispiel müssen die Gesellinnen und Gesellen ledig, kinderlos, schuldenfrei und unter dreißig Jahren alt sein. Außerdem dürfen sie erst nach mindestens drei Jahren und einem Tag wieder in ihre Heimat zurückkehren. Während der Reise müssen jederzeit 50 Kilometer  zwischen ihnen und dem Heimatort liegen – Ausnahmen gibt es nur in Notfällen, wie zum Beispiel bei Krankheitsfällen in der Familie. Für ihre Fahrtwege dürfen die Wandernden traditionell unterwegs kein Geld ausgeben. Deshalb kann man die Handwerkerinnen und Handwerker in ihrer Zunftkleidung oft am Straßenrand bei dem Versuch beobachten, per Anhalter zu fahren. Ihren Lebensunterhalt verdienen die jungen Gesellinnen und Gesellen mit ihrer Arbeit, die sie den Menschen unterwegs unter anderem für Kost und Logis anbieten. Aber da gut ausgebildete Fachkräfte gerade überall gefragt sind, ist das gar kein Problem. 

Eine weitere Tradition ist das Ritual des Vorsprechens: In einer neuen Stadt angekommen, müssen die Wandernden beim Bürgermeister oder der Bürgermeisterin vorsprechen. Der Inhalt dieser Gespräche ist streng geheim, denn nur offiziell ausgebildete Handwerkerinnen und Handwerker sollen sich damit als solche ausweisen können. Damit wird garantiert, dass die Gesellinnen und Gesellen auch wirklich eine Lehre genossen haben und ihre Dienste nicht einfach anbieten, ohne wirklichAhnung zu haben. 


Stilsicher auf Wanderschaft
 

Wahrscheinlich hast du sogar schon mal junge Leute auf der Walz gesehen, vielleicht ohne sie als solche zu erkennen! Denn die Gesellinnen und Gesellen auf der Walz tragen eine ganz bestimmte Kleidung: weite Schlaghosen aus Cord, eine dazu passenden Weste mit zwei Knopfreihen, einen Wanderstab, ein Bündel über der Schulter und einen Hut. 

Die Farbe ihrer Kluft hängt traditionell von ihrer Zunft ab. Hat das Handwerk beispielsweise mit Stein zu tun, ist die Kleidung weiß oder grau, wie im Maler- und Stuckateurhandwerk. Wird mit Holz gearbeitet, ist die Kleidung schwarz. In Berufen, in denen mit Metall gearbeitet wird, ist die Zunftkleidung blau. Rote Kleidung steht für Textilberufe wie Schneiderinnen oder Schneider und in Berufen aus dem Bereich der Lebensmittel wird ein Pepita-Muster getragen. 


Die Walz ist eine sehr alte Tradition, die jungen Menschen die Möglichkeit geben soll, die Welt zu entdecken und so einiges Neues zu lernen. Kannst du dir vorstellen, mal in traditioneller Handwerkskluft auf die Walz zu gehen?
 

Falls du mehr über die Traditionen und die Geschichte des Malerhandwerks wissen willst, gehts hier lang: Geschichte des Malerhandwerks.